Hebammen und Eltern fordern Politik zum Handeln auf

Auch die Hebammen gehören zu den Berufsgruppen, die seit über einem Jahr beweisen, dass sie zu den Stützpfeilern der Gesellschaft gehören. Sie geben den Menschen Rückhalt und ein Gefühl der Sicherheit. Während der Coronakrise üben sie engagiert und mutig ihren Beruf aus, damit Frauen sicher gebären können.

Der Berufsstand hat schnell reagiert und alle Kräfte und Expertisen gebündelt. Jetzt, im Wahljahr 2021, geht es darum, die Zukunft aktiv mitzugestalten!

Vertreterinnen des Hebammenverbands Baden-Württemberg, des Deutschen Hebammenverbads und von Mother Hood haben am 27.07.2021 mit Politiker*innen/Bundestagskandidat*innen von Bündnis90/Die Grünen, CDU, Die Linke, FDP und SPD über die Zukunft der Geburtshilfe und die Zukunft des Hebammenberufs diskutiert.

Aufzeichnung der Diskussionsrunde vom 27.07.2021 (Hinweis: aufgrund eines WLAN-Ausfalls am Aufnahmeort ist die Qualität am Anfang mäßig, das wird aber schnell besser) mit:

  • Magdalena Haupt, Moderatorin SWR
  • Ulrike Gepperth-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbands e. V.
  • Christel Scheichenbauer, 2. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg e. V.
  • Romina Kahlert, Sprecherin der JuWeHen Region 5
  • Lydia Abdallah, Vertreterin von Motherhood e. V.

Aus der Politik zugeschaltet:

  • Imke Pirch, Kandidatin Die Linke, Emmendingen/Lahr
  • Christina Stumpp, Kandidatin CDU, Waiblingen
  • Charlotte Schneidewind-Hartnagel, MdB, Bündnis 90/Die Grünen
  • Robin Mesarosch, Kandidat SPD, Zollernalb/Sigmaringen
  • Stephan Link, Kandidat FDP, Zollernalb/Sigmaringen

Den Worten Taten folgen lassen!
Anspruch und Wirklichkeit klaffen in der Geburtshilfe in Deutschland weit auseinander. Das Nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“ weist seit seiner Entstehung 2016 den Weg zu einer frauzentrierten Geburtshilfe von der Schwangerschaft über die Geburt bis ins Wochenbett. Doch dieser Weg kann bis heute nicht beschritten werden, da grundlegende Weichen nicht gestellt werden. Die Wahlprüfsteine des Deutschen Hebammenverbandes e. V. (DHV) im Wahljahr 2021 fordern die Politik daher in drei Schritten zum Handeln auf:

– Verbesserung des Hebammenstellen-Förderprogramms bis zur Erreichung einer Eins-zu-eins-Betreuung in den Kreißsälen
– Hebammen entsprechend ihrer umfassenden Fähigkeiten einsetzen
– Betreuung von Schwangeren und Wöchnerinnen als integraler Bestandteil von Gesundheitsversorgung

Die ausführlichen Wahlprüfsteine des Deutschen Hebammenverbandes erhalten Sie unter www.unsere-hebammen.de.

Die spezifisch für die Landtagswahl 2021 in Baden-Württemberg erstellten Wahlprüfsteine des Landesverbands finden Sie hier.

Der Koalitionsvertrag der neuen Landesregierung

Der Koalitionsvertrag ist unterzeichnet und die Zielsetzung für die neue Legislaturperiode veröffentlicht. Die Vorgaben im Gesundheitsbereich, auf die sich die Koalitionäre festgelegt haben, sind die Stärkung des Gesundheitsstandortes, eine gute primäre Gesundheitsversorgung in allen Regionen des Landes sowie eine bezahlbare und qualitativ hochwertige Pflege.

Ganz im Sinne der Hebammen ist das Ziel, das öffentliche Gesundheitswesen gut aufzustellen und die Familien zu stärken. Die Förderung der lokalen Gesundheitszentren, die Aufwertung der Gesundheitsberufe, die Akademisierung und Nachqualifikation, die Unterstützung der Interdisziplinarität oder auch den Ausbau der Digitalisierung sind Forderungen, die der Hebammenlandesverband Baden-Württemberg mit seinen Wahlprüfsteinen und dem dazugehörigen Nachtrag im Vorfeld der Wahlen an die Landtagsfraktionen geschickt hat. „Wir freuen uns, dass sich unsere zentralen Anliegen in der Absichtserklärung wiederfinden, an deren tatsächliche Umsetzung sich diese Regierung schließlich messen lassen muss“, so Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg.

So soll die Geburtshilfe qualitätsvoll, sicher und wohnortnah angeboten werden. Hebammenkreissäle und Geburtshäuser sollen weiter ausgebaut werden. Man will den Hebammenberuf auch durch die Weiterentwicklung der Akademischen Ausbildung attraktiver machen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit weiter unterstützen. Ausdrücklich sollen Nachqualifikationsangebote für altrechtlich ausgebildete Hebammen angeboten werden.
Die Landesregierung will Forschung und Wissenschaft voranbringen, die Digitalisierung vorantreiben sowie die Telemedizin in Pflege und Medizin ausbauen.

Hier der Auszug der Passagen zu den Gesundheitsthemen (Kapitel 6, Seiten 73-74), die auch die Hebammen betreffen:

Gesundheitsversorgung in Stadt und Land sektorenübergreifend weiterentwickeln
Hausärztinnen und Hausärzte, Fachärztinnen und Fachärzte, Zahnärztinnen und Zahnärzte, Psychotherapeutinnen und -therapeuten, Apothekerinnen und Apotheker, Hebammen und Entbindungspfleger sowie die weiteren Heilberufe sind für die ambulante Versorgung der Bevölkerung im ganzen Land von zentraler Bedeutung. Wir werden weiterhin alle Anstrengungen unternehmen, diese flächendeckende Versorgung zu garantieren. Unser Ziel ist es gleichzeitig, die Sektorengrenzen zwischen ambulant und stationär im Gesundheitssystem zu überwinden. Wir wollen eine interprofessionelle und innovative, am Bedarf der Patientinnen und Patienten ausgerichtete Versorgung erreichen. Dafür werden wir beispielsweise die flächendeckende Einrichtung von interdisziplinären Primärversorgungszentren und den weiteren Aufbau von Telemedizin fördern.

Geburtshilfe – qualitätsvoll, sicher und wohnortnah anbieten
Die gute, sichere und wohnortnahe Versorgung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen wollen wir sichern und fortentwickeln. Wir werden die Ergebnisse des erfolgreichen Runden Tischs Geburtshilfe verstetigen und ausbauen. Die Erprobung lokaler Gesundheitszentren mit Schwerpunkt auf geburtshilflicher Versorgung als Angebot in unterversorgten Regionen werden wir evaluieren und fortführen. Hebammengeführte Kreißsäle und Geburtshäuser in Baden-Württemberg wollen wir ausbauen. Den Beruf der Hebamme bzw. des Entbindungspflegers wollen wir attraktiver machen. Dazu wollen wir die Arbeitsbedingungen der Klinikbeschäftigten in der Geburtshilfe familienfreundlicher gestalten. Grundlagen dafür sind insbesondere eine angemessene personelle Ausstattung und verlässliche Arbeitszeiten. Die gute und enge Zusammenarbeit besonders von Ärztinnen und Ärzten sowie von Hebammen und Entbindungspflegern wollen wir weiter unterstützen. Die bereits begonnene vollständige Akademisierung der Hebammenausbildung ist wesentlich, um den Hebammen- bzw. Entbindungspflegerberuf aufzuwerten. Wir werden akademische Nachqualifizierungsangebote für Hebammen und Entbindungspfleger entwickeln, die nach altem Recht eine Ausbildung abgeschlossen haben. Wir fördern die Hebammen- und Entbindungspflegewissenschaften und bringen die Forschung im Bereich der Geburtshilfe sowie in der Frauengesundheit voran. Wir wollen die Schwangerenberatung mit allen Fragen der Familienplanung gewährleisten. Ungewollt Schwangere benötigen schnelle, fachliche Informationen und Beratung zu operativen und medikamentösen Abbrüchen. Wir stellen uns der Verantwortung, ein ausreichendes Angebot ambulanter und stationärer Einrichtungen zur Vornahme von Schwangerschaftsabbrüchen sicherzustellen.“

Wahlprüfsteine des Hebammenverbands Baden-Württemberg e. V. zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2021

Nachtrag zu den Wahlprüfsteinen des Hebammenverbands Baden-Württemberg e. V. zur Landtagswahl in Baden-Württemberg 2021 zur Gleichwertigkeitsanerkennung und die Erlaubnis zur Führung des akademischen Grades für altrechtlich qualifizierte Hebammen

Die Antworten der Parteien finden Sie ebenfalls in unserem Standpunkte-Menü unter dem Pulldown „Wahlprüfsteine

Jetzt für Morgen. Der Erneuerungsvertrag für Baden-Württemberg (Am 9. Mai 2021 haben die Regierungsparteien den Vertrag unterzeichnet.)

Lokale Gesundheitszentren – neuer Förderaufruf

Das Land hat Mittel für einen weiteren Förderaufruf zur Erprobung lokaler Gesundheitszentren mit Schwerpunkt Geburtfrei gemacht. Im Sommer letzten Jahres erfolgte der erste Aufruf (wir berichteten). Die Landesregierung will damit die Situation von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen im Land weiter verbessern. Durch eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen soll die Betreuung der Frauen bedarfsgerecht weiterentwickelt werden.

„Die Initiative dazu ging 2019 von unserem Runden Tisch Geburtshilfe aus. Die Weiterführung des Projekts zeigt, dass die modellhaften Gesundheitszentren die Erwartungen erfüllen“, so Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg, Mitinitiatorin des Runden Tischs Geburtshilfe. Das bestätigt auch Staatssekretärin Bärbl Mielich, Leiterin des Runden Tischs: „Auf den ersten Förderaufruf zum Aufbau Lokaler Gesundheitszentren mit Schwerpunkt Geburt hatte es viele Bewerbungen gegeben. Wir konnten im vergangenen Jahr bereits vier zukunftsweisende Projekte fördern, die dazu beitragen sollen, die hohe Qualität in der Betreuung zu sichern und Erkenntnisse für eine bedarfsgerechte Versorgung zu liefern. Das Land fördert nun weitere Gesundheitszentren mit dem Ziel, die flächendeckende Versorgung mit allen Angeboten der Geburtshilfe auf Dauer sicher zu stellen.“

Der Förderaufruf „Erprobung von Lokalen Gesundheitszentren mit Fokus auf geburtshilflicher Versorgung (Folgeaufruf)“ ist nun freigeschaltet. Förderanträge sind bis 31. August 2020 einzureichen.

Antragsformular (docx)

Geburtshilfe wird gestärkt (Pressemittelung des Ministeriums für Soziales und Integration Baden-Württemberg, 10.07.2020)


Beitragsbild: Karolina Grabowska/Pexels (Ausschnitt)

Waffenstillstand weltweit – jetzt!

UN-Generalsekretär António Guterres ruft angesichts der Corona-Pandemie zu einem weltweiten Waffenstillstand auf. Die Krankheit des Krieges und die Krankheit müssten bekämpft werden. „Das ist es, was unsere Menschheitsfamilie braucht, jetzt mehr denn je“, mahnt Guterres.


Das Video seiner Ansprache ist auf Spiegel-online zu sehen.

Eine Petition dazu ist im Internet eingestellt. Im Sekundentakt treffen hier die Unterschriften aus der ganzen Welt ein. Unterschreiben auch Sie.

„Wenn die Corona-Pandemie als Weckruf für einen Wandel zu mehr Menschlichkeit dient, dann könnte sie bei allem Leid und Elend etwas Positives bewirken – darauf sollten wir alle hinarbeiten“, so Jutta Eichenauer.

Der übersetzte Wortlaut seines Aufrufs vom 23. März 2020 auf UNRIC – Regionales Informationszentrum der Vereinten Nationen:

Guterres: Aufruf zu einem Globalen Waffenstillstand
„Unsere Welt steht vor einem gemeinsamen Feind: COVID-19.
Das Virus macht keinen Unterschied zwischen Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit, Gruppierung oder Glauben. Es greift alle an, unerbittlich.
Währenddessen wüten bewaffnete Konflikte auf der ganzen Welt.
Die Schwächsten – Frauen und Kinder, Menschen mit Behinderungen, Marginalisierte und Vertriebene – zahlen den höchsten Preis.
Sie sind auch am stärksten gefährdet, verheerende Verluste durch COVID-19 zu erleiden.
Wir dürfen nicht vergessen, dass in den vom Krieg verwüsteten Ländern die Gesundheitssysteme zusammengebrochen sind.
Die ohnehin schon wenigen Gesundheitsfachkräfte sind häufig betroffen.
Flüchtlinge und andere durch gewaltsame Konflikte vertriebene Personen sind doppelt gefährdet.
Die Wut des Virus veranschaulicht den Irrsinn des Krieges.
Deshalb rufe ich heute zu einem sofortigen globalen Waffenstillstand in allen Teilen der Welt auf.
Es ist an der Zeit, bewaffnete Konflikte zu beenden und sich gemeinsam auf den wahren Kampf unseres Lebens zu konzentrieren.
Den Kriegsparteien sage ich:
Ziehen Sie sich aus den Feindseligkeiten zurück.
Legen Sie Misstrauen und Feindseligkeit beiseite.
Bringen Sie die Geschütze zum Schweigen; stoppen Sie die Artillerie; beenden Sie die Luftangriffe.
Das ist entscheidend:
Hilfe bei der Schaffung von Korridoren für lebensrettende Hilfe.
Um wertvolle Fenster für die Diplomatie zu öffnen.
Hoffnung an Orte zu bringen, die zu den am stärksten von COVID-19 bedrohten gehören.
Lassen wir uns von Koalitionen und Dialogen inspirieren, die sich langsam zwischen rivalisierenden Parteien bilden, um gemeinsame Ansätze gegen COVID-19 zu ermöglichen. Aber wir brauchen noch viel mehr.
Wir müssen die Krankheit des Krieges beenden und die Krankheit bekämpfen, die unsere Welt verwüstet.
Es beginnt damit, dass wir die Kämpfe überall stoppen. Und zwar sofort.
Das ist es, was unsere Menschheitsfamilie braucht, jetzt mehr denn je.“

Es läuft an

„In diesen Zeiten der schlimmen Meldungen möchten wir auch mal wieder auf gute verweisen. Es sind zwar nur kleine Schritte, aber in Anbetracht der für Alle völlig neuen Herausforderung sollten wir diese auch einmal erkennen.

Die Kommunalverwaltungen ächzen unter Corona wie viele andere Systemrelevante auch. Die Mitarbeiter*innen sind für die meisten erste Anlaufstelle und werden überschwemmt mit Problemen, Fragen und Forderungen. Auch wir haben uns mit dringenden Bitten um Unterstützung an sie gewandt. Und auch wenn es vielleicht nicht überall gleich ist, in vielen Kommunen Baden-Württembergs läuft die Hilfe jetzt ganz langsam an. Dafür möchte ich mich im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen herzlich bedanken. Wir wissen durchaus, welche Kraftanstrengung dahintersteckt.
Dennoch möchte ich betonen, dass nach der Krise von politischer Seite genau untersucht werden muss, woran die schlechte Versorgung mit Schutzkleidung lag. Das darf nie wieder passieren. Das ist hoffentlich allen Entscheidungsträgern klar.

Schutzmasken für Hebammen
Dass zunächst bei neuen Lieferungen die Krankenhäuser und Altenheime und auch die Hausarztpraxen prioritär behandelt werden, ist uns klar. Umso mehr freuen wir uns, dass endlich von einigen Landkreisen die Zusage oder gar die Nachricht gekommen ist, dass bereits Schutzgüter an Hebammen verteilt werden, so nach unserer Kenntnis bisher von Pforzheim, Emmendingen, Böblingen, Rottweil und dem Ortenaukreis.

In aller Regel handelt es sich um FFP2-Masken, in Pforzheim gib es sogar Handschuhe und Einmal-Nase-Mund-Masken. Allerdings gibt es immer noch keine Schutz-Kittel – aber das, was jetzt verteilt wird, sorgt für ein kleines Aufatmen.

Eine private Initiative kommt von der Modemacherin Dorothee Schumacher. Sie will 2000 Baumwollmasken mit austauschbarem Filter (für Kohlefilter) an Hebammen spenden. Da die Firma ihren Sitz in Mannheim hat, werden die Masken natürlich lokal an die Mannheimer Hebammen verteilt. Vielen Dank – auch wenn diese Masken vermutlich keinen Schutz bei festgestellter Infektion bieten! Aber auch solche Gesten machen neuen Mut und schaffen Luft.

Dieses Aufatmen möchte ich allen Mitgliedern und auch allen Anderen für die Oster-Feiertage mitgeben. Bleiben Sie gesund und hoffnungsfroh.“

Ihre Jutta Eichenauer

DHV zur Corona-Politik

Die Hebammenverbände und der GKV-Spitzenverband haben in der Corona-Pandemie schnelle Lösungen gefunden. So ist unter anderem die Betreuung von Schwangeren und Müttern nun auch online möglich.

Der Deutsche Hebammenverband e. V. (DHV) hebt in seiner heutigen Pressemitteilungen jedoch auch Mängel hervor. “Voraussichtlich über eine dreiviertel Million Geburten werden meine Kolleginnen in diesem Jahr in Deutschland betreuen”, sagt Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes. “Es ist absolut unverständlich, dass wir nicht überall dort mitbedacht werden, wo es um die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung geht. Und noch viel mehr: Richtig wäre es, auf der Ebene der Entscheider mit am Tisch zu sitzen und unsere Expertise einzubringen – in der Politik, in den Gesundheitsämtern und in den Kliniken.”
Der Deutsche Hebammenverband hat dazu eine Pressemitteilung veröffentlicht.

Hebammen sind systemrelevant (DHV-Pressemitteilung, 8.4.2020)

Systemrelevante Hebamme

Auch Hebammen sind systemrelevant und in diesen Zeiten besonders gefordert. Die Medien sind voll von Dankbarkeitsbezeugungen für alle im Pflegebereich, Medizinsektor und der Lebensmittelversorgung Tätigen. „Wir finden das wunderbar und schließen uns dem auch vollen Herzens an. Unsere eigene Zunft aber vermissen wir bei all diesen Bekenntnissen. Und das schmerzt uns“, so Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg.

Wie Ärzt*innen und Pflegekräfte sind Hebammen aktuell den Gefahren besonders ausgesetzt, sowohl im Kreissaal als auch beim Hausbesuch. „Während einer Geburt entsteht zwangsläufig ein enormer Tröpfchen-Kontakt, allein die Wehen-Atmung emittiert viel Aerosol, dem sind die Hebammen bei der Geburt ausgesetzt“, erklärt die Hebamme.
Vor allem die freiberuflichen, ambulant tätigen Hebammen wissen selbst nie, ob sie in den Familien mit der Infektion konfrontiert werden, und im schlimmsten Fall die Infektion weitertragen. Denn schützen können sie sich kaum.

Alleine gelassen
Weil die freiberuflichen Hebammen Kleinst-Unternehmerinnen sind, werden sie bei der Beschaffung von Schutzkleidung und Masken wie Kolleginnen und Kollegen der ambulanten Pflege alleine gelassen. Die zuständigen Gesundheitsämter versuchen zwar, an Schutzausrüstung zu kommen, aber ob und wann das gelingt, ist unklar. Dabei arbeiten gerade Hebammen in einem Beruf, in dem der geforderte Mindestabstand von 1,5 Metern zu den betreuten Frauen und deren Säuglingen gar nicht eingehalten werden kann.

„Hinzu kommt, dass gerade jetzt die Wöchnerinnen so früh wie selten aus den Kliniken in die ambulante Hebammenversorgung entlassen werden. Das ist einerseits genau das, was wir uns immer schon gewünscht haben,“ so Jutta Eichenauer, „unter den aktuellen Corona-Beringungen ist es jedoch eine Herausforderung, bei der wir volle Unterstützung brauchen.“
(siehe Beitrag: Ambulante Hebammenversorgung in Zeiten von Corona)

Und nach der Krise?
Als Hebamme und Berufsverbandsvertreterin hofft und erwartet sie, „dass wir nicht vergessen werden, wenn Boni an all diejenigen verteilt werden, die derzeit das System am Laufen halten. Und wenn die Politik zu Recht endlich darüber nachdenkt, auch nach der Krise die Löhne in diesen Branchen zu verbessern, dann muss auch die Honorierung unseres Einsatzes als Hebammen sich in einer gerechteren Bezahlung niederschlagen.“

Ambulante Hebammenversorgung in Zeiten von Corona

Um Infektionen in Kliniken zu vermeiden, werden entbundenen Frauen frühzeitig nach Hause entlassen, darunter auch bereits die ersten Corona-Positive. Über eine weitere Vorgehensweise gibt es keinerlei Information oder gar Strategie, das sind zumindest die Rückmeldungen, die wir erhalten.

„Wir können die Kliniken entlasten. Das macht aber nur Sinn, wenn die Wöchnerin draußen eine Hebamme hat und diese sich schützen kann. Ziel der frühen Entlassungen ist ja nicht nur die Schaffung von Kapazitäten, sondern vor allem die Vermeidung von Infektion. Gerne kommen wir der Aufforderung nach, uns um die Frauen und Neugeborenen bzw. Säuglinge zuhause zu kümmern. Das können wir aber nur, wenn wir Schutzkleindung und Masken haben,“ betont Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. „Wichtig aber ist ein gemeinsam durchdachtes Management zur Überleitung. Diesem Krisenstab müssen die Hebammen zwingend angehören.“

Schutz vor Infektion
Der Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Chefärzte, Prof. Dr. med. J. Wacker, hat zusammen mit dem Hebammenverband Baden-Württemberg in einer gemeinsamen Verlautbarung formuliert, wie die Überleitung der Frauen aus der Klinik in die ambulante Hebammenversorgung auf Grund der Corona-Situation erfolgen könnte.

Wichtigste Voraussetzung für das Vorgehen: Zum Schutz der Hebamme, aber auch zur Vermeidung der Weiterverbreitung von COVID-19 von einer Familie zur anderen, müssen die Hebammen mit ausreichend Schutzkleidung ausgestattet sein.

Die Gewährleistung dieser wichtigsten Voraussetzung ist jedoch nicht gegeben. Daher rufen sie alle amtlichen Stellen und auch alle Privaten zu Spenden von Schutzkleidung und Masken auf und bitten dafür um Direktkontakt mit einer Hebamme in der jeweiligen Umgebung.

Gemeinsame Verlautbarung von BLFG e. V., ARGE der Chefärzte von Baden-Württemberg, und Hebammenverband Baden-Württemberg e. V.

Frau muss nicht groß sein, um groß zu sein

„Auf Augenhöhe verhandeln – Wir sind bereit“ heißt das diesjährige Motto des heutigen Equal Payday. „Das mit der Augenhöhe ist so eine Sache, sind Frauen doch rein körperlich gesehen in der Regel etwas kürzer als Männer. Wohlgemerkt: kürzer, nicht kleiner! Um auf Augenhöhe zu kommen, müssen sie sich ordentlich in die Höhe recken. Und weil sie das nicht endlos können, müssen halt die Männer sich etwas beugen, um mit den Frauen auf Augenhöhe zu kommen. Ist das nicht ein schönes Bild?“ fragt Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg.

Sie fürchtet, dass vor lauter Corona der Equal Payday in den Hintergrund gerät. Die Aktionen zum Jahrestag jedenfalls sind vermutlich überall gestrichen. Aber letztlich sei Corona wie eine flächendeckende Aktion zum Aufrütteln, denn gerade in der Corona-Krise sind typische Frauenberufe wie Kranken- und Altenpflege gefordert. Und viele arbeiten längst am Limit.

Interessant ist, dass in den Medien bereits Vokabeln wie „Helden“ auftauchen. Ja, heldenhaften Einsatz für Andere gibt es unter Frauen genauso wie unter Männern. Aber eben GENAUSO. Also sollten die „Heldinnen“ genauso entlohnt werden. 21 Prozent Lohnlücke, die trotz aller Bemühungen seit Jahren stabil bleibt – das darf einfach nicht sein.

Treten Sie mit uns gemeinsam am 17. März 2020 für eine gleichberechtigte Zukunft ein:
offline und ganz virenfrei online.

Equal-Payday-Pressefoto: Inga Haar

BMG-Gutachten – Mängel im Detail

Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat am 10.1.20 ein neues Gutachten zur stationären Hebammenversorgung in Deutschland veröffentlicht. “Es ist schwer zu beurteilen, denn der Teufel liegt im Detail. Daher unterziehen wir es derzeit einer minutiösen Prüfung durch Fachleute, zu denen auch unsere Wissenschaftlerinnen gehören”, so Jutta Eichenauer, 1. Vorsitzende des Hebammenverbands Baden-Württemberg. “Erst wenn wir hier klar sehen, können wir eine Stellungnahme dazu abgeben – und das werden wir dann auch.”

Dem Gutachten liegt zwar u. a. das Eckpunktepapier für ein Geburtshilfestärkungsgesetz des Deutsche Hebammenverbands e. V. (DHV) zugrunde und manche Forderungen des DHV wurden berücksichtigt, dennoch weist es Mängel auf. Was sich zunächst gut liest, hat bei genauerer Betrachtung entscheidende Lücken. Dazu werden vermehrt Stimmen laut, so auch die der Elternvertretung.

Elternvertretung sehen Missstände bestätigt
Die Empfehlungen verfehlen immer noch das Ziel einer qualitativ hochwertigen Geburtshilfe. “Wir sehen die Missstände in der Geburtshilfe bestätigt, auf die Eltern schon seit Jahren aufmerksam machen”, sagt Katharina Desery vom Mother Hood Vorstand. “Die Versorgung von Müttern und Kindern ist in einem Land mit einem der teuersten Gesundheitssysteme allenfalls mittelmäßig.”
Die akuten Missstände äußern sich insbesondere in folgenden im Gutachten bestätigten Problemfeldern: fehlende Eins-zu-Eins-Begleitung, Abweisungen von Frauen mit Wehen, Arbeitsbelastung von Hebammen sowie Gynäkologinnen und Gynäkologen und Schwierigkeiten mit der Stellenbesetzung.
Darüber hinaus laufen die im Gutachten vorgeschlagenen Maßnahmen dem Nationalen Gesundheitsziel “Gesundheit rund um die Geburt” zuwider.
Die Bundeselterninitiative e. V. hat dazu eine veröffentlicht (s. u.).

Stationäre Hebammenversorgung in Deutschland. Gutachten im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit, durchgeführt vom IGES Institut (unabhängiges Forschungs- und Beratungsinstitut für Infrastruktur- und Gesundheitsfragen).

Deutscher Hebammenverband fordert mutige Schritte für die Geburtshilfe im Krankenhaus. (DHV-Pressemitteilung, 13.01.2020)

Gutachterliche Empfehlungen verfehlen das Ziel einer qualitativ hochwertigen Geburtshilfe. (Mother-Hood-Pressemitteilung, 14.01.2020)

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